What the mouse did the other day

London Victoria Tube Station Monday Morning. These words hurt. Everybody on the platform feels them. Pain, ugly pain is in the air, eyes trying to avoid it look down on the floor. Grim, grim, grim squeezes through the muffled thicket of grey humid coats. Grim.

There! A young woman says to her boyfriend, pointing a the tracks. A grey little mouse, button-eyed, flits under the track, next to the track, there, no there! Flits further.

An old man starts to follow her ways, her crumb hunt, smiles and bends forward to see her flint flint flint under the track, next to the track.

A child, finger in mouth, looks at the furry movement on the tracks, at her mother, and back big eyes!

Her older brother becomes curious and checks, sees that the mouse found the bite of an old pizza.

Mouse drags her prey in a hole.

The platform smiles.

And steps back. The train arrives in London Victoria Tube Station Monday Morning.

We are sorry to announce …

“Siehste!” “Ist doch bekannt!” “Das war ja nun nichts Neues!”

Trotzdem thematisiere ich Nahverkehrspaß in London!

Meine Füße sind kalt, ich bin pünktlich auf dem Bahnsteig und immer die Erste im Büro. Lese im Zug und nehme kaum Notiz davon, dass wir seit einer Viertelstunde auf dem Gleis feststecken. Oder “dem natürlichen hektischen Gang der Dinge eine Verschnaufpause entgegensetzen”, um einen der vielen hier dauergebräuchlichen Euphemismen beizufügen. Nun merke ich aber, dass ich im Magazin ungewöhnlich weit gekommen bin, nicht jedoch in Bezug auf die Zugstrecke. Meine Füße sind kalt. Ansonsten kann ich den “people under the train”, “signal failures”, “a train in front of us stuck in the middle of something” and “waiting for a green signal”  nur schwache Verblüffung entgegenbringen. Das Begründungskarussell für gelegentliche Pausen auf der Strecke bewegt sich immerhin! Meine Füße sind kalt.

Erwerbe im Bahnhof mein Monatsticket, seit Januar 2012 von 107 Pfund auf 112 Pfund geklettert. Wieviel wohl ein Stück Heizung oder eine Minute schnellen Fahrens kostet? Konnte ich unterstützen, geht es jetzt pünktllich im Sauseschritt von Bahnhof zu Bahnhof? Die Durchsage antwortet mir: “We are sorry to announce that the 07:37 train to London Bridge (fährt halbstündlich!) has been cancelled due to a train stuck in the middle of something”. Meine Füße sind kalt.

Höre Radio4, die Morgennachrichten. Überraschend ist nun Olympiade im Sommer, Mensch, wie die 7 Jahre verflogen sind, als war die Verkündung gestern! Die Stadt hat nun in den 7 Jahre hart daran gearbeitet, die Stadt und deren Nahverkehr auf die Besuchermassen vorzubereiten. Die Strategie kann sich sehen lassen: Es gibt “hot spots”. Diese “hot spots” werden für die Besucher gekennzeichnet. Die herausgearbeiteten “hot spots” möchten bitte gemieden werden. Sollte einer der spontan vorhandenen Einwohner an so einem “hot spot” seinen Arbeitsplatz haben, so wird gebeten, die Arbeit von zu Hause durchzuführen. Oder was zum Trinken mitzunehmen, wird geraten. Die Züge und Undergroundbahnsteige sind immer sehr aufgeheizt im Sommer.

Prost. Wenn nicht im Zug, dann triefend auf dem Bahnsteig. Mit wohligwarmen Füßen!

Konzerte für Eilige – Ninas Beitrag zum Sound Londons

Die Londoner Tube wird täglich von vier Millionen Menschen genutzt. Ein guter Ort, um als Musiker gehört zu werden. Seit 2003 regelt der Tube-Betreiber London Underground mit Castings den Zugang zu den Plätzen in den Bahnhöfen, auf denen die derzeit 350 Musiker, die sogenannten Busker, spielen dürfen. Songwriterin Nina Gerstenberger erfüllte die hohen Ansprüche und spielt nun auf Londons eiligster Bühne.

Quietschende Räder, schallende Ansagen, aus den Zügen steigen bunte Trauben an Fahrgästen. Kinderwagen, Hündchen und Koffer werden herausgequetscht. Über eine Treppe geht es durch eine lange  Passage Richtung Ausgang. Hammersmith Station liegt im äußeren Südwesten der Londoner City. Der Bahnhof ist hell, weil er über Tage liegt, und rege besucht. Um den Bahnhof herum befindet sich eine Einkaufsmeile mit Shoppingmall und Fußgängerzone. Ideal für einen Samstagsbummel.

Aus der Wolke von Fahrgästen, die nun die Treppe heraufkommen, klaubt sich eine junge, eher kleine Frau heraus. Schwarz gekleidet, feuerrote Haare, eine Gitarre auf dem Rücken, fast größer als ihre Trägerin. Nina ist seit einem halben Jahr Buskerin. Seit ihrer Jugend spielt sie Gitarre, war Mitglied in verschiedenen Bands.

Ihr „Pitch“, der Buskingplatz, liegt hier zwischen der Eingangshalle und den vier Gleisen der District- und Picadilly Line. In dieser Station gibt es nur den einen Platz, in anderen, größeren Bahnhöfen manchmal zwei. Zunächst geht es vorbei am Eingangspersonal der Ticketschranken, um zu unterschreiben, dass sie anwesend ist. Nina hat sich hier schon einen Namen gemacht, wird mit Handschlag begrüßt. „You gonna beat them all!“, ruft ihr der Angestellte noch hinterher, du wirst sie alle umhauen!

Nina zeigt, während sie auf ihren Arbeitsplatz zugeht, in die Ecke voraus, in der auffällig nichts ist – auch kein Anzeichen für einen Buskingplatz mit dem großen, halbrunden Aufkleber. „Leider haben sie die Stelle hier von Graffiti und auch von der bunten Markierung befreit. Seither sieht mein Pitch etwas belanglos aus – nur weiße Fliesen eigentlich.“ Aber die 29-Jährige aus der Nähe von Stuttgart wird dieser belanglosen, weißen Ecke für die nächsten vier Stunden etwas Atmosphäre einhauchen!

Hinstellen, Räuspern und „Hello“

„Ich stelle mich immer hier in die Richtung“, erklärt Nina und deutet zum Treppengang bei den Gleisen. Die Akustik ist besser als links Richtung Ausgang. Dann bückt sie sich und öffnet den Reißverschluss der großen Tasche, es kommt eine charismatische Gitarre zum Vorschein: ganz knallig funkelt den Passanten nun ein Union Jack, die britische Flagge, in Gitarrenform entgegen. Ein liebevoller Blick, unsichtbarer Staub
wird vom Instrument entfernt, dann wird es mit geübtem Griff gestimmt.

Als Bühnenbegrenzung dient die nun leere Gitarrentasche, die das Einkommen auffangen soll. „Ganz wichtig – schon ein paar Münzen in die Gitarrentasche zu legen, das ist ein Anreiz zum Geben!“ Kurz räuspern, Schultern gerade halten, dann geht es seltsam unvermittelt los und
sie lässt selbstbewusst recht eingängige Akkorde in den Bahnhof hallen. Die Begrüßung lautet „Hello“ von Oasis, ein Ohrwurm, der gekonnt mit eigener Interpretation gewürzt ist und Nina so richtig in Fahrt zu bringen scheint. Die Akustik des Durchganges ist – im Gegensatz zur Atmosphäre dieser Stelle, tatsächlich ausgezeichnet, fast sakral. „John Lennon is not dead“, Titel und erste Zeile des selbstgeschriebenen Liedes,
schallt mit unerwartet kräftiger Stimme aus der beherzten Musikerin heraus, so dass sich einige Passanten noch einmal umdrehen. Ein älterer Herr drückt in Anerkennung seine Unterlippe nach oben und geht nickend weiter.

Wieder ist unten eine Bahn eingefahren, speit einen Pulk Menschen aus, die den weißgefliesten Tunnel zum Ausgang entlang hasten. Dazwischen begleitet sie das beschwingte „Itchycoo Park“ der Small Faces als unbemerkter Zeuge die 20 Sekunden von der Treppe, um die Ecke, zu den Ausgangsschaltern. Nina weiß, die Leute bemerken sie, wenn es nur ein Lächeln ist oder ganz eindeutig eine verehrend erhobene Rockerhand,  Zeige- und kleiner Finger von der Faust abgespreizt. Und natürlich in Form von Münzen, die bald immer häufiger in die Gitarrentasche klimpern. Die Einnahmen hängen stark von der Tageszeit und der Stimmung ab.

„Prügeln“ um die besten Plätze

Und vom Standort: Man muss schon sehr hartnäckig sein, um beim Buchen der Plätze auf der Hotline durchzukommen. Dienstag ist Vergabetag für die insgesamt 40 Pitches. Immer zwei Wochen im Voraus können Plätze für eine bis zu vier Stunden gebucht werden. Am Anfang, erinnert sich Nina, habe sie sich noch um die besten Plätze „geprügelt“, die bekanntentesten Londoner U-Bahnstationen. „Aber ich habe ja meinen Job als Drehbuchautorin, mir geht es ja eher darum, hier ab und an zu musizieren, nicht darum, entdeckt zu werden.“ Dafür eignen sich natürlich Bahnhöfe wie der berühmte Picadilly Circus oder die Pitches im Untergrund der edlen Einkaufsmeile des Oxford Circus. „Doch mir passt dieses
ständige Gedränge nicht.“

Hier in Hammersmith erntet die Wahllondonerin immer wieder ein Schmunzeln, wenn sie ein „thank you“ für Münzen mit in die Textzeilen einbaut. „What’s the thank you, morning glory?” wird die Titelzeile des Oasis-Songs den Gegebenheiten angepasst. Danach gibt es ein paar Schlucke warmen Tee aus der Thermoskanne für den Hals. Keine langen Pausen, sonst freuen sich die Finger über die Ruhe und fangen an, richtig zu schmerzen. 13 Lieder bereitet die Buskerin vor, die eine Stunde abdecken.

Gerade sind es die ruhig gezupften Klänge von Simon & Garfunkels „Scarborough Fair“, als ein Bullterrier um die Ecke wetzt, der Besitzer mit Silberkettchen und fleckigen Hosen rennt brüllend hinterher. „Scarborough Fair“ ertönt nur noch gedämpft und ohne Text im Hintergrund des Wortgefechts, das nun wiederum zwischen dem brüllenden Mann und seiner wild fluchenden, ebenso lauten Partnerin entstanden ist. Ein kurzes, angetrunkenes Handgemenge der beiden, dann taucht der entlaufene Hund auf und das Trio verschwindet aus dem Blickfeld. So schnell die aggressive Stimmung aufzog, so unversehens ist sie vorbei. Nina dreht erst jetzt wieder auf ihre eigene Lautstärke. Gottseidank passiere so etwas in der Art nicht oft. Im Hintergrund möglichst unauffällig, nicht plötzlich aufhören zu spielen, kein Blickkontakt. Das sei so ihr Weg, nicht Zielscheibe umschlagender Situationen zu werden, nickt sie dem Gedanken hinterher. Sie spielt sofort weiter – wegen der Pause und der Finger und stimmt ihr letztes Lied an für heute, auch ein eigenes, das sie schon vor Jahren geschrieben hat: „3 Sides of the Coin“. Nina begleitet es mit energischem Fußrhythmus. Auf dem Foto einer stehengebliebenen Touristin wird sie verewigt. Diese Musiker im Bahnhof, die gehören doch zu London dazu, sagt die Dame aus Paris.

Ein Blick in die Gitarrentasche verrät, es war zwar ein langer, aber auch erfolgreicher Tag heute, übermorgen geht es weiter, gleicher Bahnhof für zwei Stunden dann. Zählen wird sie ihre Münzen erst daheim. Jetzt gibt es erst einmal ein Feierabendbier.

Published in Der Teckbote.

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