Gnarziger Hass: Schubserei auf hohem Niveau

Uns geht es gut, das sei vorangestellt. Hier und da zwickt’s und drückt’s, wie es die “Helden” schon musikalisch bemerkten. Doch: Uns geht es gut. Weder müssen wir frieren noch hungern; wir werden aufgefangen von einem unsichtbaren Netz. Bürgerkriege, blutige Straßenschlachten sind hier ein Fremdwort, wir sind sicher. Ja, und es fühlt sich gut an.

Nie abgehalten werden sollen hierbei kritische Stimmen an sozialen Unstimmigkeiten - Beinehochlegen darf nicht beim Nachdenken, beim Hirnsport geschehen. Aber konstruktive Kritik funktioniert, so schwer es fällt, am besten mit einem Funken Grips und ohne boulevardeske Dollerei. Was jedoch, wenn sich die große Menge an Oberflächlichkeiten, an eigens geschaffenen Widrigkeiten aufreibt, blind für das Tatsächliche? Einfach wütend treten und kaputtmachen, Mauern bauen, wurde uns das nicht schon im Kindesalter aberzogen?

Trotz Wohlstand schaffen wir es nämlich täglich, uns gegenseitig anzuwichsen, uns irgendwas, irgendein Ecklein am Anderen zu suchen und brabbeln mit barziger Stimme eher laut als leise vor uns hin. Da werden Schubladen geschlossen und wieder geöffnet, was das Zeug hält. Und gar nicht mal so holperig wie Loriot an seiner speziellen Kommode, nein, das geht richtig mit Schmackes, was da aus den mannigfaltigen Schubladen so hervorgezaubert wird. Nur: das aus dem Lädchen Herausgefischte, ohne es zu betrachten, anzusehen, prüfend und kritisch zu wenden, das würde doch eigentlich kein Mensch so auf der Straße öffentlich tragen! Anders bei Klischees, würzigen Stereotypen, da wird (so wie ein Zauberer ein unvermutet langes Tüchlein aus dem Ärmel zaubert) blindlings hineingeriffen und ebenso blicklos kombiniert, das einem wahrlich Hören und Sehen vergeht.

Neulich im Restaurant verlautet eine ältliche Dame, dass sie eine Reise tat. Und, dass diese Reise nicht allein, sondern mit verschiedenen Begleitern stattfand. Das graue Mädchen stellte nun Verblüffendes fest: Ossis nämlich ziehen, sobald sie das Hotelzimmer betreten, Hauspuschen an. Die wollen es immer gleich gemütlich haben. Bei dieser Feststellung wurde das Ironieschild nebst Augenzwinkern entweder ganz weit unten hochgehalten oder falsch beschriftet. Weggelegt wurde es allemal sofort, denn die Graue stellte noch viel, viel mehr fest. So befand sie, dass verschiedene Menschen aus dem Reisebus sich nicht gut verhielten, jedenfalls nicht ganz genau so, wie Grau es täte. Und was waren das für Menschen? “Eine Mischung aus Ossi, Säufer und Hartz IV-Empfänger”. Klappe, die Erste.

Getreu dem Motto, es sei zu ruhig, hier müsste mal richtig Party und aufmischende Bambule gemacht werden, laute Streits, Unruhen, das gibt es zu wenig auf unseren Straßen, geht es denn auch weiter. Diesmal aber nicht bei einer, sagen wir beim Denken und Hirnen ahnungslosen, ältlichen Dame, sondern beim öffentlich-rechtlichen Radio. Thema ist die Parkraumbewirtschaftung in einem Teil des schnieken  Berliner Ortsteils Prenzlauer Berg, die in der Morgensendung eines Berliner Radiosenders von einem Experten kommentiert wird. Ist es nur Geldmache, leiden nicht mindestens schon die Nutzer des angrenzenden Sportplatzes unter den Parkgebühren von 3 Euro pro Stunde? Die neu einzuführende Gebühr soll diskutiert und bewertet werden, im Donnerstagskommentar. Was spricht der Journalist, dem man zunächst unterstellt, sich ein wenig Wissen, Tellerrandüberschreitung und Schubladenosmose angeeignet zu haben? Na, der barzt sehr, der kommt daher mit Schächtelchen in seinem Aufbewahrungselement, sehr kleinen Schächtelchen, dass es Platzangst erzeugt beim Zuhören! Im Prenzlauer Berg, in der Ecke, die er bewohnt, das ginge ja gar nicht, nein! Nie ist ein Parkplatz vor der Hautür möglich, stets muss sein Wasserkasten weit getragen werden, häufig parkt er falsch, um seiner heimeligen Haustür nah zu sein. Und warum, allein wes Grundes? Weil Touristen in den Bezirk einschwärmen, und weiterhin andere Fremde: Weddinger! Die trinken viel und saufen stets, das Arschgeweih der Bäckereifachverkäuferin, die frecherweise in seiner Wohngegend ausgeht und Freunde trifft, trinkt mit. Und ferner, so schweift er unversehens aus, pullern genau solche Leute dann auch in die Hauseingänge und laufen über Autodächer, machen die kaputt! Die sollen alle die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen! Dann löst sich das Parkproblem.

Jemand verlorengegangen auf dieser kunterbunt zusammengeflickten Argumentationsreise? Hoffentlich!

In der Tat: so oft habe ich noch nie einen Like-Button bei anderen erstaunten Facebook-Kommentaren gedrückt. So ein gnatziges Rumpelstielzchen, was da heute Morgen Weddinger und andere (dass Gott erbarm!) “grenzüberschreitende” Touris aus dem Radio heraus angiftet. Und ALLE sind sie motorisiert, alle! Hat Opa Jörges (Anm.: der Kommentator zum Thema) da mit einem Kissen in der Fensterbank gehangen, um Strichliste zu führen, wer da alles “seinen” Parplatz einnimmt? Und während die arme Wurst dann weggeschaut hat, um Wasserkisten zu tragen, entging ihm, dass es doch nur Nachbarn waren, die ihm seinen Parkplatz weggenommen haben! Enge Straßen, große Stadt, viele Autos: bisschen mehr beobachten und weniger in abgekauten Stereotypen rumrühren, dann wird der morgendliche Kommentar hoffentlich bald wieder niveauvoll. Viele Grüße aus dem Wedding rüber in den Prenzlberg!!!

So gern von mir postuliert: das Gebet Oettingers findet hier keinen Platz, darf nicht in Erwägung gezogen werden! “Gib mir die Kraft, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann” -nein, diese Äußerungen, und es sind dies hier nur die zweier Menschen, müssen kommentiert, diskutiert und angegriffen, hinterfragt und entkräftet werden. Doch schade ist es um die Zeit dafür allemal: gibt es nicht genügend echte Brennpunkte, die mindestens verbal, wenn nicht vielmehr aktiv angegangen werden müssen als die eigenen Mitmenschen? Wenn schon nicht Lust und Zeit und Edelmut daran bestehen, jeden, der da vorbeiläuft, kennenzulernen, bevor die Schublade ein weiteres Mal geöffnet wird: dann ist Schweigen Gold! Widme man sich nicht der Instant-Definition, die keiner weiteren Nachfrage standhält, sondern mit ungleich mehr Energie den Unfassbarkeiten, diese Wut verdienen!

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