Der Balkon war schon 2008 ein wesentliches Element meiner Erlebnisse.
Es ist dunkel, aber sommerabendwarm. Mit Windlicht und einem Bier sitzen wir auf dem Balkon und lassen den Abend ausklingen. Immer mal wieder brummt ein Auto vorbei, Gemurmel der Gäste vom Italiener unten dringt nach oben. Das Windlicht spendet orangefarbene Schatten.
Irgendwann tritt eine Mutter mit Kind auf dem Arm nach draußen. Wir sehen sie nicht, das Kleine wimmert vor sich hin, lange. Und anhaltend. Nun stehen wir doch auf und suchen die umliegenden Balkone nach Mutter mit Kind ab. Nichts. Aber das Geräusch, das mittlerweile so gar nicht mehr nach Kind klingt, ist ganz in der Nähe. Jetzt scheint es mehr ein wütendes Miauen zu sein.
Dort, im Fenster unter unserer Wohnung, dort bewegt sich etwas. Wirklich, im Fenster. Eine Katze hat sich mit dem Hals im angekippten Badezimmerfenster aufgehängt. Man spürt förmlich, wie die Pfoten im Bad nach Halt rudern. Immer wieder faucht und miaut sie.
Schnell klingeln wir bei den Besitzern, keiner macht auf. Die Nachbarn, nein, haben keinen Schlüssel zu der Wohnung. Die Feuerwehr muss gerufen werden. Und ist unterwegs. Wir warten oben auf dem Balkon, bis wir den Wagen hören können. Schnell kommen zwei Feuerwehrmänner nach oben, kann man von unserem Balkon aus etwas machen? Von unserem, darüberliegenden, Badezimmerfenster? Zu weit entfernt. Die Wohnungstür aufbrechen dürfen sie nicht.
Also muss die Leiter ausgefahren werden. Schon kommt ein zweiter, größerer Wagen. Von oben sehen wir, wie er hochgestemmt wird und eine endlose Leiter zum vierten Stock empor rollt.
Die Straße füllt sich mit Zuschauern, die Gäste des Italieners stehen auf und beobachten den Einsatz. Die Fenster der umliegenden Häuser füllen sich mit Gesichtern.
Zwei Männer werden mit dieser endlosen Leiter nach oben gefädelt und reden dem müden Tier gut zu. Sie greifen mit einem Finger hinter das angekippte Fenster, sortieren das Köpfchen der heiseren Katze nach oben und stupsen sie ins Badezimmer zurück. Mehr geht von außen nicht.
Wir stehen noch lange auf dem Balkon, die beiden Einsatzwagen sind wieder weg, alles ist ruhig und leer. Kleine Straße, viel passiert. Die Nachbarn haben nun einen Zettel an der Tür, sie sollen gleich nach der Katze sehen, wenn sie da sind.
Monate später, ich stehe mit dem Fernsehteam bei der Feuerwehr. Ein Dreh zum Thema “Weihnachtsbaum, die lodernde Gefahr”. Während einer der beiden Männer interviewt wird, schaue ich mit seinem Kollegen zu. Ich erzähle: Wir hatten mal einen Feuerwehreinsatz bei uns, eine Katze war im Fenster eingeklemmt. Geschehen im Wedding. Ja, er erinnert sich, das stand sogar in den Meldungen. Mich interessiert nun, wer das eigentlich bezahlt, so einen Einsatz. Zwei Wagen. All die Einsatzkräfte. Die Zeit. Nun, eigentlich der, der gerufen hat. Aber wir haben nie eine Rechnung bekommen. Dann war das ok, gehört dazu. Wie es denn der Katze geht. Gut, keine Schramme, nur etwas heiser gewesen. Hatte mehrere Schutzengel.
