Mai 1822, in einem etwas heruntergekommenen Herrenhaus im ländlichen Irland. Die Tochter, Hannah Lambroke, soll an einen Marquis in England vermählt werden, damit etwas Geld in die knappe Familienkasse kommt. Zu dem Zwecke reisen der Geistliche Berkeley und sein Begleiter Audelle an, um Hannah sicher nach England zu geleiten. Hannah kann Stimmen hören, die eines älteren Mannes, kann sie nicht zuordnen und ist durcheinander. Mutter Lambroke wünscht dies vor den Gästen nicht zu thematisieren, doch Berkeley ist ganz Ohr, bietet eine Séance an, um Aufklärung zu verschaffen, den Schleier lüften. Stimmen wahrzunehmen, das sei eine Gabe, kein Schauder.
Das Auge schweifen lassen
Conor McPhersons Werk The Veil (Der Schleier), das noch bis zum 19. November im Londoner National Theatre zu sehen ist, genießt eine opulente Ausstattung und eine hervorragende Lichtarbeit. Aufwendig zeigt sich das Bühnenbild bis in die silberne Zuckerdose, alter Reichtum lässt sich in den hohen Wänden noch erahnen, das sichtbare Treppenhaus außerhalb des bespielten Wohnzimmers zeigt den Verfall des Familienguts. Kerzen zaubern eine heimelige Atmosphäre, der Wind tobt und lässt am Baum die Äste schwingen, Vögel begrüßen einen hellen Morgen. Diese Liebe zum Detail bringt denn auch erst einmal das Auge zum Schweifen, die Handlung zieht sofort in den Bann, hier kann man sich einrichten! Gespannt lässt sich die Einführung der Charaktere verfolgen, die Fäden werden gesponnen und bilden ein überschaubares Netz, das es nun zu vertiefen gilt.
Die Webseite des Telegraph bietet zum Stück einen passend erscheinenden Link zu Kants transzendentaler Philosophie, die an die Gabe des Sehens beziehungsweise Hörens der Tochter des Hauses anknüpft (http://de.wikipedia.org/wiki/Transzendentalphilosophie). Die fünf Sinne sind hier die gewöhnliche Sicht auf die Welt, mit ihnen nehmen wir “unsere” Realität wahr - das, was wir glauben, das sie sei. Erst die Fähigkeit, Phänomene erkennen zu können, gibt dem Erkennenden einen kurzen Einblick auf das, was tatsächliche Wirklichkeit ist. Eine Sicht auf eine vierte Dimension sozusagen, die Hannah Lambroke gegeben ist.
Slapstick und Themenbrei
Leider kommen derartige Gedankengänge oder wenigstens -ansätze im vorliegenden Stück nicht vor. Lediglich ein bezugnehmender, sherrytrunkener Satz wird pflichtbewusst in einen Monolog aufgenommen. Während Autor und Regisseur McPherson ankündigt, der Zuschauer vermute zu Beginn ein stattlich-konservatives Theaterstück, “but then the shit hits the fan” (dann ist die Kacke am Dampfen), möchte man ihn nachher fairerweise nicht zu sehr beim Wort nehmen. Das Stück endet qualitativ da, wo es richtig und spannend hätte ansetzen können, beim vermuteten Thema. Leider landen wir hier jedoch einmal mehr in der breiigen Masse, die sich da als Zuschauerbelustigung und leider auch -beleidigung herausstellt. In der Trickkiste ist da nichts zu altbacken. Eingelullt von den Anfängen der Séance, die die Stimmen aufhellen soll, die Hannah Pembroke so verstören, knallt es überraschend und vernehmlich auf der Bühne und das Publikum hopst unisono im Sitz. Und dieses Haydn-Plagiat (http://bit.ly/rXpQGR) wird, weil es so schön war, gleich zweimal auf die Zuschauer losgelassen. Um Grübelei oder gar Langeweile beim Zuschauer gar nicht erst aufkommen zu lassen, wird regelmäßig mit etwas Slapstick oder mindestens einer witzigen Bemerkung aufgewartet. Während McPherson im Lachen nicht verkehrt eine Gelegenheit sieht, das Publikum zu vereinen, es im gemeinsamen Lachen zusammenzuschweißen, übersieht er, dass es für gewisse Genres auch einend sein, gemeinsam im Saal zu sitzen und gefesselt die Bühne zu fixieren.
Ist das Lachen aber erst verklungen, lässt sich nicht vertuschen, dass das zunächst sorgsam gesponnene Netz der Handlung leider völlig aus dem Blick verloren wurde. Der Telegraph untertitelt das Stück “A journey into the unknown” (Eine Reise ins Unbekannte), doch wird bald klar, dass der Schleier des Unbekannten, die Bearbeitung von Hannahs Stimmerfahrungen, noch gar nicht einblickend gelüftet wurde, als schon an etwa drei weiteren gezogen wird. Bei heiterem Whiskeygenuss wird eine alte Liebschaft – und gleich noch eine andere, dazu die Problematik der arrangierten Ehe und die Geldnot blinden Auges dazugeknüpft. Weil das irgendwie auch zum weiten Kreis des Unbekannten, des Geheimnisses zählt.
Und dann fiel der Vorhang.
[The Veil. Conor McPherson, National Theatre, London, bis 19. November]
